3 Mai 2007

Der Kaiser von Amerika

Posted in Geschichte, Kurios, Welt tagged um 6:40 pm von G. Neuner

Everybody understands Mickey Mouse. Few understand Hermann Hesse. Hardly anybody understands Einstein. And nobody understands Emperor Norton.
(Malaclypse the Younger, K.S.C., Principia Discordia)

Norton IEs ist ein hierzulande etwas unbekanntes historisches Kuriosum, daß es im 19ten Jahrhundert einmal einen Kaiser der Vereinigten Staaten von Amerika gab.

Neil Gaiman benutzte ihn in einer melacholisch-hoffnungsvollen Ausgabe seiner Serie Sandman als Hauptcharakter (in Three Septembers and a January) und Mark Twain setzte ihm, als jemand der ihn persönlich kannte und von ihm zum Hofschreiber ernannt worden war, in The Adventures of Huckleberry Finn ein literarisches Denkmal. Ansonsten hört man leider hier, auf der anderen Seite des großen Teiches, nicht viel von diesem illustren und sehr, sehr interessanten Charakter. Allein im postmodernen Glauben des Diskordianismus begegnet er uns hierzulande noch als Heiliger Zweiter Klasse. Aber da das dann nur Diskordier betrifft und die sowieso kaum als echte Religion anerkannt werden (und die meist sowieso einfach nur verrückt sind), lassen wir das ganze einfach mal außen vor und beschäftigen uns mit der historischen Persönlichkeit Nortons I, des Kaisers der Vereinigten Staaten und Protektors von Mexiko.

Joshua Abraham Norton, auch genannt Norton I., lebte bis zum Jahr 1880 in San Francisco. Und Norton war verrückt.

Oder zumindest exzentrisch. Darüber sind sich alle Quellen einig. Und es gibt viele Quellen über ihn, da er als ziemlich einziger amerikanischer Hochadliger auch historisch gesehen auf einsamer Flur steht und es irgendwie ein menschlicher Naturtrieb ist sich Gedanken über das Treiben ihres Hochadels zu machen. Mal ganz abgesehen daß er in jedem Werk über historische Exzentriker auftaucht welches auch nur etwas auf sich hält. Man muß auch bedenken, daß er, trotz seiner offensichtlich etwas verqueren Sichtweise seiner eigenen Person, dennoch ein beliebter und hochgeachteter Bürger San Fransiscos war. In gewisser Weise war er nämlich auch das was man sich als Bürger von einem guten Herrscher wünschte. Er wurde auch schon mal als benevolent dictator bezeichnet. Daß man als amerikanischer Bürger seit knapp hundert Jahren nicht mehr unter der Herrschaft eines solchen stand oder stehen sollte und jede Ehrerbietung die man ihm bekundete rein freiwillig war und normalerweise aus Ulk geschah (und er sich nicht wirklich darum kümmerte, sollte jemand ihm nicht die angemessene Ehrerbietung erweisen) wurde er zu so einer Art Maskottchen für die Bürgerschaft der Stadt. Man sah darüber hinweg daß er ganz klar seinen Verstand verloren hatte, die Zeitungen der Stadt druckten seine Proklamationen und die Bürger hielten sich daran wenn sie es für angemessen hielten. Seine Verlautbarung, daß San Franscisco in Zukunft nicht mehr Frisco genannt werden sollte weil das ein Unding wäre wurde mit Wohlwollen aufgenommen, seine Proklamation in der er die amerikanische Regierung absetzte wurde dagegen konsequent ignoriert.

Seine Herrschaft begann damit, daß er eine Tages in voller Admiralsuniform in das Büro einer der Zeitungen San Fransiscos, The Bulletin, hineinmarschierte und seine erste Proklamation drucken lassen wollte. War das schon seltsam, machte der Chefredakteur der Zeitung etwas noch ungewöhnlicheres: er druckte sie.

At the preemptory request of a large majority of the citizens of these United States, I, Joshua Norton, formerly of Algoa Bay, Cape of Good Hope, and now for the past nine years and ten months of San Francisco, California, declare and proclaim myself Emperor of these United States, and in virtue of the athority thereby in me vested do hereby order and direct the representatives of the different States of the Union to assemble in Musical Hall of this city, on the 1st day of February next, then and there to make such alterations in the existing laws of the Union as may ameliorate the evils under which the country is laboring, and thereby cause confidence to exist, both at home and abroad, in our stability and integrity.

Norton I
Emperor of the United States
September 17th, 1859

Er hatte damals schon ein bewegtes Leben hinter sich als er sich selbst zum Kaiser ernannte: geboren in England, den Großteil seiner Kindheit in Südafrika gelebt, irgendwann nach Amerika immigriert, war er ursprünglich ein einigermaßen erfolgreicher Geschäftsmann, bis ihn eine fehlgeschlagene Spekulation mit peruanischem Reis sein Vermögen und mit seinem Vermögen auch seinen Verstand kostete.

10 Dollar Bill issued by Norton IDie Bürger von San Fransisco liebten ihn. Sie mochten die Idee einen eigenen Kaiser für sich zu haben und gaben ihm die Rechte die er verlangte. Das von ihm ausgegebene Geld wurde kritiklos akzeptiert, in einer Zeit als der US-Dollar noch auf wackeligen Beinen stand, und alle Restaurants der Stadt ließen ihn kostenlos bei sich essen, natürlich nicht ohne sich danach Plaketten zu besorgen die darauf hinwiesen, daß Kaiser Norton I in ihrem Etablissement regelmäßig dinierte. Die Zeitungen brachten immer mehr seiner Proklamationen, oftmals sogar von ihnen selbst gefälschte, nur damit sie wieder mal von ihrem Kaiser schreiben konnten. Er wurde, kurz gesagt, zu einem Teil von San Fransiscos öffentlichen Leben.
So sehr Teil davon, daß als er 1880 starb, die Bürger der Stadt dafür aufkamen ihm ein ordentliches Begräbnis zu verschaffen. Zwar war vorher gemunkelt worden er wäre in Wahrheit trotz seines Zustandes im Besitz fabelhaften Reichtums, allerdings fand man davon nie wirklich etwas. Sein ganzes Vermögen am Tag seines Todes betrug 6 Dollar. Das einzige was ihm davont bezahlt werden konnte war ein jämmerliches Armenbegräbnis.
Und das war etwas was seine Fans nicht auf sich sitzen lassen konnten. Man verschaffte ihm einen ordentlichen Sarg, die Stadt zahlte für einen standesangemessenen Grabplatz, und zu seinem Leichenzug kamen nach manchen Berichten bis zu 30.000 Trauergäste. Ein zwei Meilen langer Trauerzug.

Le Roi Est Mort

[…] On the reeking pavement, in the darkness of a moonless night under the dripping rain, and surrounded by a hastily gathered crowd of wondering strangers, Norton I, by the grace of God, Emperor of the United States and Protector of Mexico, departed this life. Other sovereigns have died with no more of kindly care–other sovereigns have died as they have lived with all the pomp of earthly majesty, but death having touched them, Norton I rises up the exact peer of the haughtiest King or Kaiser that ever wore a crown. Perhaps he will rise more than the peer of most of them. He had a better claim to kindly consideration than that his lot „forbade to wade through slaughter to a throne and shut the gates of mercy on mankind.“ Through his harmless proclamations can always be traced an innate gentleness of heat, a desire to effect uses and a courtesy, the possession of which would materially improve the bitterful living princes whose names will naturally suggest themselves.
San Francisco Chronicle
January 9, 1880

Was wahrscheinlich eher nicht geplant war, jedenfalls nicht von den Bürgern der Stadt, aber weiter zur Mythenbildung beitrug, war eine Sonnenfinsternis die am Tag danach die Stadt verdunkelte. San Fransisco hatte ihren größten Mitbürger zu Grabe getragen und selbst die Sonne trauerte.

Das Problem bei verrückten Herrschern ist normalerweise, daß sie naturgegebenermaßen eher unbeliebt sind. Man kann sagen daß Norton in dieser Hinsicht dafür sehr erfolgreich war. Er war weder übermäßig anmaßend (mit Ausnahme der Tatsache daß er sich als Kaiser titulierte), er führte keine Kriege, er war höflich zu allen seinen Untertanen und kümmerte sich persönlich um die an ihn angetragenen Probleme. Er hatte als einer der ersten die Idee eine Art Vereinte Nationen zu schaffen, er propagierte den Bau einer Brücke nach Oakland die auch 50 Jahre später wirklich gebaut wurde, er verhinderte ein Massaker an der chinesischen Bevölkerung San Franciscos indem er sich vor den Lynchmob stellte und aus der Bibel zitierte. Eigentlich war er der perfekte Herrscher für Amerika in dieser Zeit, zukunftsblickend, weise, heldenhaft, mutig, tolerant und aufgeschlossen. Das Problem war bloß daß er für jeden ganz offensichtlich total durchgeknallt war und daß er halt auch so wirklich überhaupt keine wirkliche Macht außer der seines Charismas hatte. Aber diese Macht war für einen allgemein bekannten Verrückten dann schon wirklich enorm.

Im Endeffekt ist das was heute von ihm bleibt ein typisches Beispiel für die Mythenbildung die mit einem so großen und weiten Land wie die USA es ist einhergeht. Es gibt viele dieser Legenden, wahre und falsche, die genau wie die Sagen und Märchen hierzulande funktionieren. Ich frage mich wie diese Geschichte in 200 Jahren gesehen werden wird, wahrscheinlich wird man in San Fransisco bis zu diesem Zeitpunkt dann schon den Geist von Norton haben der die Stadt nachts durchwandert und darauf achtet daß die Polizei auf ihrem Posten ist. Oder er wird der Schutzheilige/Stadtgott der Stadt (zwischen den beiden Konzepten gibt es eigentlich keinen großen Unterschied wenn man genau darüber nachdenkt) und die Leute werden sich erzählen wie Norton irgendwann nach seinem Tod die Stadt gerettet hat. Mich würde es nicht einmal überraschen wenn es mittlerweile schon solche Legenden gäbe. Zu wünschen wäre es jedenfalls.

Weiterführende Informationen: America’s Last Emperor, Rotten.com Bibliographies, Wikipedia, Tales from Colma – The Madness of Joshua Norton, Emperor Norton (mit ausführlicher Bibliographie), A little levity about arrogance , Emperor Norton I -The Benevolent Dictator beloved and honored by San Fransiscans to this day

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