7 Mai 2007

Online Lernen

Posted in Kultur, Universität, Video tagged um 9:45 am von G. Neuner

HörsaalMan erzählt sich, daß irgendwann in den 60ern, als gerade die Universitäten in der USA einen Schwung neuer junger Leute bekamen und die Säle sich dort immer mehr füllten weil nun die geburtenstarken Jahrgänge nach dem Krieg in die Unis stürmten, auch die letzten dieser Institutionen auf die Idee kamen Lautsprechersysteme zu installieren. Vorher wurde immer mehr darüber geklagt, daß man nur schwer der Vorlesung folgen konnte, dies sollte durch diese Investition in die Zukunft gelindert werden. Dies gelang auch auf eine gewisse Weise, nur stelltenach ein paar Wochen einer der Professoren fest, daß Woche für Woche immer weniger Studenten in die Veranstaltung kamen. Bis am Ende nur noch ein kleines Häufchen von Getreuen auftauchte. Wir kennen das von irgendwoher, nicht?

Da die fehlenden Studenten allerdings bei den bald darauf folgenden Klausuren nicht wirklich schlechter abschnitten als ihre Kollegen kam der Prof dann doch irgendwann auf die Idee dem ganzen einmal nachzugehen. Da der seltsame Schwund erst nach der Installation der neuen Elektronik zustande kam fing er an dort zuerst nachzuschauen. Und bemerkte einige Leitungen die beim Einbau des Systems noch nicht da gewesen waren. Er folgte ihnen und kam nach einigen hundert Metern Kabellänge in die dorm area des Campus, also zu den Wohnheimen der Studenten, die sich in den USA ja meist direkt bei den Gebäuden der Lehrinstitute befinden. Und dort verzweigten sich die fremden Kabel wieder, führten in die verschiedenen Wohnheime und dort in die verschiedenen Zimmer der Studenten. Die Studenten waren nicht mehr in die Vorlesung gekommen weil sie eine Möglichkeit gefunden hatten sich die Vorlesung zu sich in die Zimmer zu holen.

Damals war das natürlich das Sinnbild für die faulen Studenten die alles tun würden um nicht in die Vorlesung zu müssen.

Heutzutage wird das sogar eher gewünscht. Daß man sich selbst die Vorlesungen nach Hause holt. Nicht weil die Professoren ihre Studenten nicht leiden können und alleine im Saal sein möchten (naja, vielleicht auch), sondern weil teilweise die Hörsäle wirklich überfüllt sind und man wirklich kaum etwas lernt wenn man wie eine Sardinenbüchse eingequetscht irgendwo zwischen zwei Stuhlreihen auf dem Boden sitzt. Und weil es wirklich fürs Lernen von Vorteil sein kann (aber nicht muß) wenn man Audio- und Videoaufzeichnungen von Vorlesungen hat um damit zu lernen. Und weil man sich damit als technophil gibt und zeigt, daß man auch mit neuen Medienformen zurecht kommt.

Und für die Hochschulen ergibt sich in dieser Hinsicht noch ein weiterer positiver Faktor: Sie können allen zeigen wie gut sie sind, wie modern und wie aufgeschlossen, wenn man aus der Not zu kleiner Hörsäle eine Tugend macht und einfach die Vorlesungen über den ganzen Globus verteilt. Und es klappt auch. Es zeigt nämlich die Qualität der Veranstaltungen in diesen Unis ohne daß sie von sich aus sagen müssten: Hey, kommt mal vorbei und schauts euch an, wir sind nämlich die Besten, jeder sagt das! Mit solchen Webcast hat man den Vorteil, daß man garnicht erst viel direkte Werbung machen muß, man kann den Leuten einfach zeigen was man als Uni zu bieten hat.

Es hat auch den Vorteil, daß man wirklich nur die besten Sachen zeigen kann. Sonderveranstaltungen bei denen sich die Leute wirklich Mühe geben sind nun mal präsentabler als irgendwelche Vorlesungen in denen der Dozent die Studenten langsam Richtung R.E.M.-Phase treibt.

Ich denke die UC Berkeley war die erste die eine Art Webcast öffentlich als Google-Video-Abteilung angeboten hat. Jedenfalls war das die erste von der ich weiß, andere Unis mit Weltrang (Oxford , Massachusetts Institute of Technology, Harvard) folgten um zu zeigen daß sie auch toll im Netz dastehen können. Gut, das sind Eliteschmieden, die können sich das auch schon allein von der Finanzierung bestimmt leisten. Und der Rest mußte dann ja irgendwann folgen, wenn schon alle ihre Materialien online stellen, warum dann auch nicht sie. Ich denke die Seite University Channel Princeton zeigt das dann auch ziemlich gut, da kann man von solche Videos und Audiofiles ein paar Dutzend Universitäten als RSS-Feed abonnieren.

Auch in Deutschland gabs einige Projekte in der Richtung, von denen eines der interessantesten wohl das Projekt Osotis der Friedrich-Schiller Universität Jena ist. Laut eigener Aussager eine Academic Video Searchengine. Die leider noch nicht wirklich viel verzeichnet, aber das kann ja noch kommen. In Tübingen gibt es den Tübinger Internet Multimedia Server (Timms), in Thüringen die University Multimedia Electronic Library (UrMEL) und die Digitale Bibliothek Thüringen. Und man kann drauf bauen daß bald auch noch weitere Unis folgen werden, denn wenn eines leicht geht, dann ist es das mitschneiden und onlinestellen von Vorlesungen.

In Bayern übrigens geht man, wie so oft, einen Sonderweg, der diese Entwocklung eventuell etwas behindert. Hier gibt es schon seit einigen Jahren die Virtuelle Hochschule Bayern, welche von den ganzen Universitäten des Freistaates unterstützt wird, aber leider auch nur den Studenten dieser Zugang zu sich gewährt. Hier hat man als Student die Möglichkeit aus einer Vielzahl von Kursen zu wählen um diese dann online zu absolvieren. Oder jedenfalls nur mit ein oder zwei Präsenzstunden in der Uni die den Kurs anbietet. Man kann auch Scheine erweben in dieser virtuellen Hochschule, die dann aber oft erst von der eigenen Uni anerkannt werden müssen. Im Grunde ist es eine nette Idee, leider scheitert die vhb an der Unkreativität ihrer Macher. Ein Großteil der Kurse ist nicht mehr als ein nettes Extra auf dem weg zum Examen, ein paar sind ganz nett gemacht aber meist dann so speziell, daß sie einem normalen Studenten fast gar nichts nutzen wenn er nicht vom Fach ist.

Worauf bis jetzt allerdings offenbar noch kaum jemand gekommen ist (jedenfalls scheint es so wenn man sich das Angebot der meisten Unis ansieht) ist die Tatsache, daß Benutzerfreundlichkeit auch so ein gewisser ausschlaggebender Faktor zum Erfolg solcher Angebote sein kann. Bei einem Großteil der Angebote ist es eine Qual (na gut, ein Ungemach) sich bis zu den Vorlesungen durchzuklicken oder zu suchen, die einen interessieren. Vielleicht liegt das aber auch einfach an mir, da es kaum Angebote zu den Geisteswissenschaften gibt (die mich eben eher interessieren würden). Das aber liegt wohl eher an der Tatsache, daß die ganzen Angebote wahrscheinlich größtenteils von Technikfakultäten online gestellt werden. Und die haben wahrscheinlich auch keine größere Motivation Sachen die sie nun mal überhaupt nicht interessieren auch am leichtesten finden zu lassen.

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