15 Juli 2007

Phantomzeit

Posted in Geschichte, Kurios tagged um 5:03 pm von G. Neuner

Autograph of CharlemagneIch habe es mir mittlerweile zur Gewohnheit gemacht alle paar Monate einmal auf die Wikipedia Seite über Heribert Illigs Phantomzeithypothese zu schauen. Vor allem die Diskussion dort ist ein Musterbeispiel dafür wie Leute die keine Ahnung vom Thema haben versuchen im Sinne von Glaubensfragen die Gestaltung eines Artikels zu beeinflussen. Da wird argumentiert und gegenargumentiert, und während die eine Seite sinnvolle Argumente bringt macht die andere nichts anderes als unsachlich vor sich hin zu stolzieren und zu versuchen die Fachwissenschaft schlecht zu machen. Der Höhepunkt war für mich dabei erreicht als einer der Gläubigen dieser Pseudowissenschaftlichen These sich weigerte einen korrekt zitierten Aufsatz zur Kenntnis zu nehmen, weil dieser nicht im Netz stand. Und das obwohl dieser Aufsatz nicht nur mit dem Thema zu tun hatte, sondern sogar vom besagten Herrn Illig verfasst worden war. Der Aufsatz hätte seiner vorher gebrachten Argumentation entgegengestanden und so etwas kann man sich in einer Webplattform nicht leisten… Da heißt es fressen und gefressen werden und niemals zugeben, daß man falsch lag. Selbst wenn man es tat.

Nicht, daß der Begründer dieser These eine bisher großartig andere Argumentationsstruktur gehabt hat. Die Phantomzeitthese ist eine These bei der sich ernsthafte Wissenschaftler schon die Hände über den Kopf zusammenschlagen sobald sie davon zum ersten mal hören. Leider hat sich durch ihre Sensationalität viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als sie es jemals verdient hätte. Verschwörungstheorien haben so etwas an sich was Leute fasziniert, auch wenn diese bestimmte Theorie in dieser Hinsicht leider etwas mager ausfällt. Immerhin wird hier nicht das typische Extra an interessanten hanebüchenen Verbindungen erfunden, sondern im Gegenteil noch etwas weggenommen.

Zur Erklärung: Heribert Illig behauptete aufgrund von selbstdiagnostizierten Problemen in der Mittelalterlichen Chronologie, ein paar Zitaten aus passenden (uralten) Werken und Lexika, und einer beeindruckend ausgiebigen argumentatio e silentio [1] beweisen zu können, daß drei Jahrhunderte des Frühmittelalters (ungefähr die Jahre zwischen 614 und 911) später nachträglich eingefügt wurden um dem Herrscherhaus der Ottonen eine gute Vorfahrenschaft zu sichern.

Hmmm… ja, der Eingeweihte (bzw. jeder der irgendwann im Geschichtsunterricht mal aufgepasst hat) sieht hier dann das Problem: Karl der Große, der „erste Europäer“ fällt in diese Zeitspanne, genauso wie solche Kleinigkeiten wie die Entstehung des Islam, der Rückzug des byzantinischen Reiches aus Italien, und andere Kleinigkeiten die zu dieser Zeit passiert sein sollen. Allesamt weggewischt von der gütign Hand des Herrn Illig der uns gnädigerweise die Weisheit zukommen lässt all das sei später erfunden worden, alle Dokumente aus der Zeit seien falsch gefälscht, alle archäologischen Funde aus der Zeit falsch datiert, ja die gesamte Wissenschaft sowohl der Dendrochronologie und der C14-Datierung seien viel zu ungenau und unzuverlässig.

Und all das findet er dadurch heraus, daß er einmal den Kalender durchrechnet und dabei einen Rechenfehler findet (der im Grunde sein eigener war…)

Das Problem an dieser Behauptung ist nun nicht einmal ihre Sensationalität und Unwissenschaftlichkeit. Die Geschichtswissenschaft musste sich schon mit vielen seltsamen Theorien herumschlagen und hat das ganze schon immer irgendwie hinbekommen. Und wenn man Illigs Kritiker auch nur oberflächlich liest, dann hat man ihn bereits widerlegt. Er scheint das nur nicht wahrnehmen zu wollen.

Nun versteht es Illig aber sich zu vermarkten und seine These findet sich dann auch auf gewissen Sendern wieder, sowohl öffentlichen als auch privaten, die damit versuchen wohl den Schockwert ihrer „Wissenschafts“-Sendungen etwas hochzutreiben. Und so ist es mir mittlerweile schon ein paar mal passiert, daß ich als Geschichtsstudent, vor allem als einer der sich vor allem mit dem Mittelalter beschäftigen will, darauf angesprochen wurde. Denn, wenn immerhin von solchen Experten (und es müssen Experten sein, denn sie sind ja im Fernsehen…) behauptet wird, daß die Geschichte da total gefälscht ist… warum studiere ich das Fach denn dann überhaupt noch[2]. Da merkt man dann wieder wie schnell Leute meinen sich selbst zu Experten hochstilisieren zu können. Ich wurde bisher von Handwerkern, Schülern und ein paar (BWL-)Studenten darauf angesprochen. Angetan mit dem Wissen aus irgendeiner Doku im Abendprogramm eines Fersehsenders versuchen sie da Leute die sich damit auskennen sollten zu wiederlegen. Und man kann garnicht so sehr gegen ihre Argumente argumentieren. Denn erklär doch mal einem BWLer was Dendrochronologie ist. Oder überhaupt einem warum das was ein „Wissenschaftler“ behauptet nicht unbedingt die Wahrheit sein muß.

Illig selbst möchte sich als der Retter der Mediävistik sehen, oder wenigstens gesehen werden, als Messias der Geschichtswissenschaft, schafft es aber im Vergleich dann doch nicht mehr zu werden als der verrückte Weltuntergangsprediger an der Ecke, der sich damit ein paar Silberlinge verdient. Seine Argumentationen sind lächerlich, beruhen auf veralteten Werken, beinhalten falsche Zitate en masse. Auf Gegenargumentionen reagiert er ausweichend bis gereizt. Für ihn sprechen nicht die Fakten gegen seine Thesen, sondern andere Wissenschaftler allein gegen ihn. Und selbst in den eigenen Reihen muß er mittlerweile offenbar darauf achten, daß ja niemand seine unanzweifelbare Autorität in Frage stellt.

Aber nun gut, so existiert diese These eben und sie wird sich als eine weitere Verschwörungstheorie ohne richtige Beweise halten können, denn wenn man der Diskussion in der Wikipedia folgt sieht man vor allem eines: Wenn jemand wirklich etwas glaubt, dann sind auch klare und nachvollziehbare Argumente nicht fähig ihm vom Gegenteil zu überzeugen.

Mal sehen wie sich das die nächsten Monate und Jahre noch entwickelt…

Weiterführendes: Bibliographie zu diesem Thema

 

 

[1] wissenschaftlerisch für: man sieht nichts davon und man weiß nichts darüber, also muß es genau so gewesen sein wie ich es sage

[2] ja, das sind die gleichen Leute die meinen sie würden sich niemals nie mit Geschichte befassen weil man da nichts als Daten auswendig lernen müsste… ja klar, und Geographen machen nichts als Flußnamen und Städte auswendig zu lernen…

 

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