23 August 2007

Zurückgebliebenes

Posted in Archäologie, Geschichte, Kultur, Kurios, Religion, Studium um 11:42 pm von G. Neuner

Kreuzgang der Basilika St. VitusVor kurzem waren wir mit einer Archäologieexkursion in Ellwangen, einer kleinen Stadt in Baden-Württemberg mit einer wunderschönen mittelalterlichen Altstadt. Was uns an Ellwangen aber eigentlich wirklich interessierte war das Alamannenmuseum, ein eher kleines Museum, in dem aber eine ganze Menge an wirklich faszinierenden frühmittelalterlichen Funden aus einem Gräberfeld in der Nähe ausgestellt sind. Nachdem man ein Semester lang jede Woche Metallarbeiten aus dieser Zeit meterbreit an die Wand geworfen gesehen hat ist es interessant einmal zu sehen wie klein diese Stücke teilweise wirklich sind und wieviel Arbeit und Kunstfertigkeit in jedem Einzelnen davon steckte.

Als Archäologiestudenten bekamen wir eine besonders ausgiebige Führung durch den Museumsleiter, der neben den historischen und archäologischen Erkenntnissen auch viel über die Arbeit in und um so einem Museum erzählte. Etwas was mir da besonders im Kopf geblieben war, war seine Aussage, daß man im Museum selbst aus ethischen Gründen davon abgesehen hatte unmotiviert menschliche Skelette auszustellen. Viele andere Museen machen das, und obwohl es genug Möglichkeiten gegeben hätte (wie gesagt: es waren Funde aus einem großen Gräberfeld) wurde es dennoch in Ellwangen nicht getan, nur einige einzelne Knochen und Schädel mit Spuren von Gewalteinwirkung waren zu sehen, das einzige vollständige Skelett im Museum war das eines Pferdes.

Wahrscheinlich wäre uns allen das nicht wirklich so in Erinnerung geblieben, hätten wir danach nicht noch die spätromanische Basilika St. Vitus in Ellwangen besucht. Beim Herumstreunem in dieser fanden wir einen dieser Seitenaltäre wie sie in den meisten katholischen Kirchen eben in der Seite stehen, gestiftet irgendwann im Mittelalter und seitdem einfach da. Nur dieser war etwas blutiger als der Durchschnitt. Als Altarbild diente eine Darstellung des geköpften Täufers Johannes, mit dem noch blutenden Halsstumpf dem Betrachter entgegengestreckt (…und Leute beschweren sich heutzutage über Gewaltdarstellungen im Fernsehen…), unter dem Bild befand sich ein Glaskasten mit einer Reliquie darin. Am Anfang haben wir alle garnicht so wirklich erkannt was das da sein sollte, bis es irgendwann „Klick“ machte und wir sahen daß es ein (einigermaßen vollständiges, schwarzes) Skelett war, in prachtvolle blaugoldene Gewänder gekleidet, hineingequetscht in einen Glaskasten von nicht mehr als einem Meter Länge. Der Inschrift am Altar selbst war nicht zu entnehmen wer das denn jetzt bitte sein sollte. Wahrscheinlich weiß man das wenn man lange genug in diese Kirche gegangen ist, wir waren da aber etwas, nunja, verloren.
Im Museum steht kein Skelett, aber im Dom liegt eines kommentarlos in der Ecke. Schön… Manchmal frage ich mich sowieso wie Leute aus einer anderen Kultur auf so etwas reagieren, auf Reliquien in katholischen Kirchen meine ich. Wir sind es immer so gewohnt Entsetzen und Ekel vorzuschützen wenn es darum geht wie man in Indien oder Südamerika mit seinen Toten umgeht, aber wie, wenn nicht barbarisch, wirkt dann die offene Zuschaustellung von Leichen in einem Tempel?

Natürlich sind es keine Leichen, und mit dem richtigen Verständnis für das Thema sieht man Reliquien irgendwann auch nicht mehr als Leichen an sondern als Kultgegenstände. Das andere Extrem ist dann aber erreicht wenn man nicht einmal mehr wahrhaben will, daß diese Gegenstände nicht das sind wofür sie stehen. Eine Erfahrung die ich als Führer in einem katholisch geprägten Museum auch schon öfters machen musste: Der Unterschied zwischen historischer Wahrheit und dem was die Leute glauben und hören möchten ist ein großer. Natürlich wird eine gewisse Reliquie vor allem besonders verehrt werden weil ein Splitter vom Kreuz Jesu darin enthalten ist. Das heißt nicht daß der Splitter echt ist. Um es einmal mit Erasmus von Rotterdam zu sagen: Mit den ganzen Splittern vom Kreuz Jesu die in Europa zu finden sind könnte man ein ganzes Schiff bauen.

Und Ähnliches gilt auch für Körperreliquien von Heiligen. Oftmals weiß man nicht einmal ob und wie ein Heiliger zu Tode gekommen ist, trotzdem gibt es meist einen (oder auch mehrere) Körper die man dann im Mittelalter als Reliquienspender ausgeschlachtet hat. Die Körper der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom werden (mal ganz abgesehen davon daß sie nie heilig gesprochen wurden) mit größter Wahrscheinlichkeit nicht die Originalkörper sein. Das war eher eine PR-Aktion die damals mit der Überführung gemacht wurde, und das war wohl im Prinzip den meisten Leuten eigentlich auch bekannt. Man kann nicht wirklich erwarten, daß die Leute nie etwas von den ganzen Reliquienüberführungen, -diebstählen und -kopierereien mitbekommen hätten. Dafür gab es einfach zuviele.

Als Student der Geschichte in Bamberg weiß ich daß das Schädelreliquar der Heiligen Kunigunde im Dom oben ursprünglich von einem Kind stammen muß (der Schädel ist zu klein um von einem erwachsenen Menschen zu stammen) und damit eigentlich nicht der echte Schädel der Heiligen sein kann. Gelichzeitig wurde mir von meiner Dozentin mit dieser Information auch die Warnung übermittelt so etwas nie einem echten Bamberger zu sagen. Jedenfalls nicht wenn mir mein Leben lieb ist.

Und mein Lieblingsbeispiel für das was die Reliquienverehrung ausmacht ist immer die Vorhaut Jesu. Denn wie man ja aus der Bibel weiß ist alles was von Jesu auf der Erde zurückblieb nachdem er gestorben war das was er schon auf der Erde von seinem Körper getrennt hatte. Wegen seiner Himmelfahrt eben. Blut welches er am Kreuz verloren hatte. Seine Milchzähne. Ein paar Tränen. Der Schweiß der in seinem Schweiß- und in seinem Grabtuch stecken sollte. Und natürlich seine Vorhaut. Jesus muß ein interessanter Mensch gewesen sein denkt man sich wenn man sich dieses Objekt einmal anschaut. Denn es gibt immerhin mindestens 14 verschiedene davon. Mindestens drei verschiedene Vorhäute werden dabei von der Kirche als die eine echte Vorhaut Jesu anerkannt. Ein hochinteressanter Mensch also, der Herr Jesu, und nicht nur von seinen Lehren her…

Natürlich gibt es eine sinnvolle Erklärung dafür, daß es soviele gleichartige Reliquien gibt, und diese Erklärung wurde auch schon im Mittelalter offenbar mit Erfolg angewendet: Es ist ein Wunder! Kreuzessplitter mit denen man ganze Wälder zusammenbauen kann? Ein Wunder! Was denn auch sonst, du Ungläubiger?

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