23 Oktober 2007

Am Ende der Welt

Posted in Irisch, Irland tagged , , um 2:34 am von G. Neuner

Inishmore Cross, Aran IslandsWie die Geier stürzten sie sich auf uns sobald wir die Fähre verlassen haben: Free Map! Rent a Bike! Cheap Bus! Luxury Bus! Cheap Luxury Bus! Pony Cart Tour! Luxury Pony Cart! Traditional Sweaters! Supermacs!

Es fühlte sich eher an wie auf einem orientalischen Markt als wir an ihnen vorbei vom Hafen aus Richtung der „Innenstadt“ von Kilronan gingen. Dummerweise hatten wir unsere Tour schon gebucht, und so mussten sich die armen Busfahrer, Kutscher, Radverleiher und was-weiß-ich-nochs an die wenigen anderen Fährgäste heranschmeißen. Es ist wohl nicht mehr soviel los Ende Oktober, nur noch vereinzelt trudeln ein paar arme internationale Studenten und Urlauber ein die es einfach nicht anders geschafft haben auf die Aran Islands zu kommen. Und so ist der Konkurrenzkampf um die wenigen Verbliebenen dann um so größer.

Nicht daß es so schlimm wäre dort nicht im Hochsommer gelandet zu sein, die Einsamkeit und wilde Romantik der Aran Islands ist spätestens seit Robert Flaherty’s Klassiker Man of Aran (natürlich auf der Hinfahrt mit der Fähre im Bordprogramm angespielt…) bekannt, und da seit einigen Jahrzehnten der Trend immer mehr zu romantisch-cooler Einsamkeit geht, sind diese Inseln auch wirklich ein beliebtes Ziel für viele Menschen geworden, die diese Einsamkeit dann doch mal gemeinsam im Rudel und im Schnelldurchlauf erleben wollen.

Das einstige Ende der Welt am westlichen Rand Europas, das Armenhaus Irlands, hat in den letzten Jahren damit einen sichtbaren Boom erlebt. Drei Hostels, zehn Bed&Breakfast, ein Hotel, mehrere Restaurants (inklusive einem Fast Food Restaurant), Cafés, Pubs und ein halbes Dutzend Touristenläden stehen dem Besucher allein auf Inishmore offen. In jedem zweiten Garten von Kilronan steht ein Bus oder eine Ponykutsche. Und die Katzen der Insel (die so aussehen als hätten sie einen sehr engen Stammbaum) wissen genau wo und wie sie bei den doofen Touristen vor dem Spar etwas abstauben können. Sie sehen es teilweise wohl eher als Privileg an wenn man ihnen etwas zu essen geben darf. Und können sehr, sehr ausdauernd dabei sein auf dieses Privileg hinzuweisen.

Hauptprodukte der Inseln sind heutzutage noch Hummer und Vieh. Rein theoretisch. Mittlerweile hat man sich stark auf den Tourismus angepasst und verkauft auch den berühmten Aran Sweater und andere Produkte aus Schafwolle in mehreren Shops. In rauhen Mengen und professionell (industriell?) gefertigt. Interessanterweise gibt es auf Inishmore selbst kaum Schafe, die 20 die es dort gibt sind wohl kaum in der Lage die Menge an Wolle zu produzieren die man in den ganzen Shops auf der Inseln in Pulloverform findet. Ja, Aran Sweaters eben…

Soll ich deswegen böse auf sie sein? Bestimmt nicht. Die Inseln waren über Jahrtausende so arm daß es sogar gut tut zu sehen wie es mit einer so kleinen und abgeschiedenen Gemeinschaft etwas aufwärts geht. Auch wenn das heißt hier am Ende der Welt genauso Fast Food, Spar und ATM zu haben wie im Rest von Irland.

Die Aran Islands sind jetzt schon seit Jahrtausenden besiedelt, und ich denke nicht daß sie jemals groß viel anders ausgesehen haben als man sie heute sieht: Kahl und felsig. Die wenige Erde die es auf der Insel gibt ist oft durch das Verrotten von Seetang künstlich entstanden und wird durch Wind und Wetter bald auch wieder erodiert. Nicht daß allzu viel wachsen würde. Größtenteils Gras, ein paar Büsche, ein paar Bäume um Kilronan herum, ein paar Weiden (für Weidenkörbe) in ein paar geschützten Niederungen. Der Salzgehalt im Boden wird wohl kaum größere Pflanzen erlauben. Vielleicht gab es einmal mehr Bäume, wie es in ganz Irland früher einmal um ein vielfaches mehr an Wäldern gab. Wenn, dann haben die allerdings die menschliche Siedlung nicht überstanden. Wie so oft.

Die frühesten Siedlungsspuren sind wohl noch die beiden Dúns die es auf der Insel gibt, eisenzeitliche Hügelfestungen, teilweise habn sie mehr von kleinen Städten mit ihren Mauerringen und Einkreisungen, Durchgängen und Rampen. Wieviel davon allerdings noch wirklich original ist wage ich nicht einzuschätzen, eine Tafel in Dún Eonaghta berichtet von Abstützarbeiten die im 19ten Jahrhundert vorgenommen wurden, auch ansonsten ist kaum ein Unterschied zwischen den Mauern dort und denen die über dem ganzen Rest der Insel verteilt sind zu erkennen.

Siebentausend Kilometer dieser Mauern soll es auf der Insel geben sagt uns unser Busfahrer. Wer sie allerdings ausgemessen hat, und warum man so etwas überhaupt ausmessen sollte, weiß er nicht. Er sagt nur das was im Buch steht, aber da steht es, schwarz auf weiß. Sagt er, bevor er uns weitererklärt, daß auch die kleinen Felder die wir sehen, allesamt eingegrenzt mit grobem Mauerwerk, einen Sinn machen. Sie verhindern daß immer nur einer der Bauern das ganze gute Land hat und die anderen sich mit Felsbodem abgeben müssen. Das könnte man eigentlich auch noch anders abklären, aer die Mauern haben noch einen weiteren Sinn: Sie verhindern daß gute Steine weggeschmissen werden. Die Häuser hier halten kaum jemals mehr als ein paar Jahre den Gezeiten stand und müssen regelmäßig erneuert werden. Da ist es gut in der Nähe einen Vorrat an Steinen zu haben. Sobald man sie verlässt verfallen sie innerhalb eines Jahrzehnts fast vollständig, und viele Orte die heute nicht mehr als Weide sind waren wohl vor einiger Zeit noch Wohnhäuser.

Ansonsten leiert er seinen Text herunter wie man es als Touristenführer tut wenn man weiß daß es die Passagiere nicht die Bohne interessiert. Denn die meisten interessiert es nun einmal wirklich nicht, sie wollen nur jemanden der die Stille dort im Bus etwas überbrückt. Da eine Kirche, da ein Pony, ein paar Ziegen, nicht wirklich großartige Dinge, aber erwartungsgemäß entlocken alle gezeigten Tiere einigen unserer Mädchen seltsame Geräusche der Zuneigung bevor es dann weitergeht und der kleine Cutenessfaktor wieder vergessen ist. Stolz ist er offenbar auf das Erziehungssystem der Insel, drei Primary Schools gibt es und eine weiterführende, eine Technical School, für die 700 Einwohner Inishmores. Als er das das dritte oder vierte mal vor sich herleiert wie ein Gebetsmantra dreht sich eine meiner Mitreisenden zu mir um, mein wiederholter Versuch ein Lachen zu unterdrücken klang wohl eher wie ein akuter Anfall an Atemnot. Ich denke wir hatten bis dahin alle verstanden was er meinte.

Neid brandet in seiner Stimme auf, als wir an einigen neugebauten Häusern vorbei fahren. Die ersten ihrer Art auf der Insel, sagt er. Ein Halbhölzernes, ein rundes und eines mit Keller. Es werden wohl auch die einzigen ihrer Art bleiben denke ich in meiner mißverstandenen Architektenseele. Holz ist nicht wirklich gut für das Wetter hier, ein rundes Haus ist schön und gut, aber mit Flachdach etwas falsch ausgestattet. Und ein Haus mit einem Keller, in einer Grube, am Fuße eines größeren Hügels, ungefähr 8m über dem Meeresniveau… Ich tippe darauf, daß das manchmal etwas feucht sein kann.

Ich weiß nicht was uns immer an die See treibt, ich vermisse sie wenn ich nicht dort bin. Ich weiß daß ich niemand bin der zur See fahren will, aber es ist ein unheimlich beruhigendes Gefühl an der kalten Atlantiküste dort auf den Inseln zu stehen, oder von den Klippen herunterzublicken, und nichts zu sehen als den Ozean und die Brandung. Ich fühle mich zuhause wenn ich dort bin. Was seltsam ist, denn ich komme ja weit aus dem Inland.

Am Ende lassen wir die anderen links liegen, suchen noch etwas mehr Einsamkeit bevor wir dann fahren. Und verpassen fast die Fähre. Wir hetzen zurück und kommen gerade als die letzte unserer Gruppe gerade aufs Schiff geht an. Wäre es denn ein richtiger Ausflug gewesen wenn nicht irgendwelche von uns fast die Abfahrt verpasst hätten?
Es war ein schöner Tag auf der Insel, und ich bin froh dort gewesen zu sein, auch wenn es zu kurz und zu gehetzt war. Aber ich bin noch nachdenklicher als zuvor als wir abfahren. Und ich weiß nicht einmal wirklich über was oder wen ich die ganze Zeit nachdenke. Oder warum.

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