31 Oktober 2007

Into the Rebel City

Posted in Irland, Kultur tagged , , um 2:33 am von G. Neuner

„Does anyone have a map? Just a basic map?“ schreit Marie, eine unserer Französinnen, als wir gerade aus dem Bus ausgestiegen sind. Ich gebe ihr meinen Reiseführer in dem tatsächlich eine kleine, viel zu kleine, Karte abgebildet ist. „Oh thank you“ sagt sie. „Seems like you’re the only one prepared for the trip.“
„Oh mein Gott!“ meint Daniel dazu. „Allein das war die Reise schon wert, einmal zu sehen, daß du mal als einziger wirklich auf irgendwas vorbereitet bist!“
Daniel ist der andere Austauschstudent aus Bamberg und wir studieren seit dem ersten Semester die gleichen Fächer. Wir kennen uns.

Wir waren zu diesem Zeitpunkt gerade in Cork angekommen.
Cork ist, auch wenn es nicht so aussieht wenn man erst einmal da ist, die zweitgrößte Stadt der Republik Irland, und, so wird es einem jedenfalls fast entgegengeschrien wenn man als Tourist Cork betritt, die heimliche Hauptstadt der Insel. Es sieht nicht danach aus daß es so wäre weil Cork an sich nur knapp unter 200.000 Einwohner hat, und an sich noch etwas Kleinstädtischer für diese Größe aussieht. Sie hat viel typisch Irisches in ihrem Aussehen erhalten und die Straßen wirken nicht groß metropolitär (was sie auf der Insel wenn überhaupt nur in Dublin tuen und selbst da nicht wirklich), sondern ähnlich wie in den Towns im Rest der Insel.
Nur daß es eben eindeutig mehr von ihnen gibt als woanders.

Ich war vorher schon einmal in Cork gewesen, während meines letzten Irlandaufenthaltes, und hatte als einziges eigentlich nur noch die recht nette Flußpromenade in Erinnerung, die auch heute immer noch genauso aussah wie damals, als wir mit dem Bus durchgefahren sind. Vor allem der Nieselregen der heute dort fast den ganzen Tag herunterkam hat mich an die Zeit vor fünf Jahren erinnert. Manche Dinge ändern sich nicht wirklich. Das Wetter in Irland ist eines dieser Dinge.

Um es anders zu sagen: Ich konnte Marie und den anderen auch nicht wirklich dabei helfen herauszufinden was genau in dieser Stadt nun eigentlich sehenswert wäre und was nicht. Nicht daß ich zu der Zeit als wir angekommen sind (um 10 herum) überhaupt viel hätte sagen können. Ich war übernächtigt und verschlafen und außerdem noch ohne Kaffee in den Tag gestartet, so daß erst einmal für die nächsten paar Stunden alles irgendwie nur an mir vorbei rauschte. Ich glaube ich habe sehr seltsam auf Daniel gewirkt, der sich im Bus mit mir unterhalten wollte. ich habe schon zugehört wenn jemand etwas zu mir gesagt hat, nur richtig antworten, oder verstehen konnte ich das ganze noch nicht. Erst als wir uns dann (unfreiwiligerweise) im English Market aufgesplittet hatten und nach einiger Zeit dann im Opernhaus, besser gesagt im Opernhauscafé, gelandet waren wurde das ganze etwas besser.

Cork hat ein eigenes Opernhaus, ein modernes Konstrukt, irgenwann in den 60ern erbaut, und dann vor kurzem zumindest noch etwas erweitert um die Bausünde der 60er etwas zu kaschieren. Für Besucher (und sei es für Besucher des Cafés dort) wirkt es aber immer noch wenig einladend, elitär, und etwas zu bemüht künstlerisch. Aber was kann ich da schon sagen wenn ich nur die Eingangshalle gesehen habe? Und wie sah das ganze dann vorher aus?

Das gleiche gilt allerdings auch für die Kunstgalerie gleich nebenan, der Crawford Municipial Art Gallery, deren Schwerpunkt auf Kopien klassischer und klassizistischer Statuen, und auf Kunstwerken irischer Künstler liegt. Im Gegensatz zum Eingang des Opernhauses, welcher wenigstens einen gewissen Hauch von „teuer“und „vornehm zurückhaltend“ erahnen lässt, scheitert die Galerie mit ihrer neuen Erweiterung bei dem Versuch allerdings etwas.

Hier taucht in meinen Gedanken eher der Begriff „uninspiriert“ auf. Obwohl sie natürlich laut Fachexperten aus der Architektur ein wahres Meisterwerk des Museumsdesigns darstellt, finde ich sie, nunja, langweilig. Alles schon mal in anderen Gebäuden gesehen, alles irgendwie als ob es kopiert wäre.
Was entweder heißt, daß ich so etwas nicht einschätzen kann weil ich ein Banause bin (durchaus eine berechtigte Meinung), oder daß auch in der Architektur etwas zu sehr über den Klee gelobt wird. Vor allem solange der Verantwortliche noch lebt, man irgendwas von ihm will, oder man sich selbst seine Reviews schreibt.

Die Kunstwerke in der Gallery wirken fast zusammenhanglos aufeinandergetürmt, ohne allzuviel Freiraum zu geben und keinen Platz zu verschwenden, während andererseits große Flächen in den Schauräumen frei bleiben. Zumindest im Bereich der derzeitigen Ausstellung (C)artography, welche an sich einige recht interessante Stücke zu bieten hat; die allerdings darin scheitert klar zu machen warum hier gewisse Dinge wo hängen und in welcher Relation sie zu den anderen sind, oder wenn sie das nicht sind, verfehlen klar zu machen daß sie es nicht sind. Der Platz wäre dazu da gewesen, und auch die Schaustücke waren vorhanden, nur die Ausführung haperte etwas.

Und auch der Rest des Gebäudes war ein kleiner Kampf: Ein Museum welches offenbar schon seit einiger Zeit bestand und benutzt wurde und dann zum Beginn des 21ten Jahrhunderts eine Erweiterung angebaut bekam. Man versuchte hier ein besonders künstlerisch-modernes Ambiente hervorzurufen, und ich verstehe die Gestaltung des ganzen zumindest in den Treppenhäusern der Galerie. Es sind recht angenehm zu gehende, leicht alternativ wirkende Holztreppen. Hübsch anzusehen, auf eine gewisse 80er-Jahre-Ökofan-Art-und-Weise. Wo man sich das ganze allerdings zweimal überlegen hätte sollen, das sind die Toiletten, die ebenfalls auf eine Weise gestaltet wurden für die nur ein Künstler verantwortlich sein kann. Türgriffe an Stellen an denen keine Griffe sein sollten, Türen die nach normalem Empfinden in die falsche Richtung aufgehen, Wasserhähne die nicht funktionieren wie Wasserhähne, betont künstlerisch-schlichter Aufbau der Toilettenzelle. An sich schon eine Leistung eine Toilettenzelle noch schlichter wirken zu lassen. Eine verwirrende Erfahrung.

Man hat mich zum Kartenkundigen ernannt und vertraut nun (warum auch immer) darauf, daß ich als Archäologe schon ins archäologische Museum finden werde.

„Okay, we have to go down Dyke Parade and then to…“ sage ich.
„What?!“ sagt Benita, unsere Australierin..
„I said we’d have to go down Dyke Parade.“ Ich weiß was das Wort heißt.
„Funny, I almost thought he said „Dyke Parade„!“ sagt sie dann zu unserer Amerikanerin Amanda.
„Well, I did.“ sage ich und zeige ihr die Straße auf der Karte.
„Oh…“ sagt sie.

Etwas weiter entfernt davon war dann das Public Museum, so weit daß die Hälfte der Leute die dorthin wollten kurz vor dem Ziel aufgegeben haben und sich etwas anderes gesucht haben. Das Public Museum war das Museum welches uns im Tourist Office groß als archäologisches Museum angekündigt wurde, und auch wirklich archäologische Fundstücke aufzuweisen hatte. In ungefähr drei Vitrinen.
Danach ging es mehr um die Geschichte Corks seit dem 16ten Jahrhundert (Cork als die Rebellenstadt in Irland), der handwerklichen Kunst der Stadt , den berühmten Söhnen der Stadt (und sei es ein Meteorologe der bei einer Arktisexpedition umgekommen ist) und anderen Teilen die sich grob mit der Rebel City beschäftigten.
Ein sehr interessanter Teil beschäftig sich mit dem Zweiten Weltkrieg, oder „The Emergency“ wie er in Irland genannt wurde. Das interessante hieran war nicht daß es allzu viel darüber zu sagen gab (denn das gab es wirklich nicht) sondern eher das Gegenteil. Während man in anderen Ländern dieser Zeit einfach nicht entkommen kann wenn man irgendeine historische Ausstellung besucht, fehlt es hier in Irland einfach an Bezug zu diesem Krieg. Man war dabei, ja, aber so wirklich… Ausser ein paar Bildern von Soldaten in Reih und Glied und einem fast unbenutzen Block zur Schadensaufnahme nach einem Luftangriff war nicht allzu viel zu sehen. Aber hey, der Versuch war da…
Man entkommt am Ende nicht einmal ganz der Unsitte zusammenhanglos Fundstücke in eine Ausstellung zu klatschen nur um sie da zu haben. Nur daß in Cork wenigstens gesagt wird, daß all die Stücke in der letzten Vitrine von Corker Bürgern gestiftet wurden. Was zumindest einen dünnen Hauch einer Begründung dafür liefert ägyptische Skarabäen und einen Buddha in einem Museum über die Geschichte der Stadt Cork auszustellen. Und gleichzeitig etwas zu zeigen wie toll und groß und vielseitig (und ziellos) die Sammlung des Museums eigentlich ist.

Kirchen sind auch immer ein recht netter Teil jeder Stadtbesichtigung in Europa, dummerweise haben wir gerade in Cork dann den wichtigen Teil dieser Besichtigung nicht gewürdigt (die Kirchen waren alle so um das 18te Jahrhundert herum entstanden und nicht wirklich toll): Offenbar ist die St. Anne’s Church in Shandon durch ein Lied besonders bekannt (The Bells of Shandon), was aber keiner von uns wußte, weshalb auch nur einer von uns die Gelegenheit wahrnahm diese Glocken dann auch zu läuten. Stelle ich mir jetzt als großartige Erfahrung vor. Oder auch nicht. Wir hatten zuhause dafür immer einen primitiven 80er-Jahre Computerder nichts anderes konnte als zum richtigen Zeitpunkt einen Motor in Bewegung zu setzen, und das hat auch funktioniert. Aber wer bin ich denn den Leuten den Spaß daran nehmen zu wollen?

Klinge ich zynisch oder gelangweilt? Ich weiß nicht ob ich das bin, begeistert hat mich die Stadt jetzt nicht wirklich, auch wenn es scheint daß sie ein wunderbarer Ort zum Leben und Studieren sein könnte. Nur touristisch ist sie absolutes Brachland. Aber das werde ich ja noch einmal neu erfahren können, für mich war das gerade eher eine Scoutingtour für unsere International Society. Das heißt ich werde dieses Semester noch einmal diese Freuden über mich ergehen lassen. Vielleicht auch einmal nicht in einer so großen Gruppe wie wir sie hier hatten, sondern eher einzeln und für mich selbst.

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2 Kommentare »

  1. Anonymous said,

    Hey hey hey! In Cork hab ich mal für 2 Wochen gewohnt! Ich kann nur sagen, die Leute da sind genauso wie die Stadt aussieht ;)
    … von wem wohl der Reiseführer war…
    ganz lieben Gruß!!
    Sandra

  2. […] um 3:02 vormittags von crescentaurora Am letzten Samstag hatte ich dann meinen zweiten Trip nach Cork. Ein Trip der jetzt auch nicht soviel neues gebracht hat, außer, ja, die Toiletten im Kunstmuseum […]


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