25 Oktober 2008

Alte Schinken im modernen Antiquariat

Posted in Bücher, Geschichte tagged , , , , um 1:56 am von G. Neuner

Der Buchladen des Pieter Meijer Warnars (1820)Ich finde ja moderne Antiquariate eigentlich ganz großartig. Mit diesem Begriff meint man normalerweise eine bestimmte Art von Buchladen die sich vor allem auf das Verkaufen von Restauflagen, Mängelexemplaren und (größtenteils recht billigen) Sonderauflagen spezialisiert haben. Dieser Marktbereich war einmal ziemlich klein, hat sich aber mittlerweile so weit gemausert daß es eigene Läden dafür gibt, und daß Verlage teilweise ganze Auflagen herausbringen nur um sie mit dem häßlichen „Mängelexemplar„-Stempel zu versehen und in diese Läden zu verschaffen. Mängelexemplare sind nicht an den Buchpreis gebunden, ergo sind sie dort meist billiger zu haben. Das mag zwar nicht der edelste Grund dafür sein in solche Läden zu gehen, allerdings bin ich Student und kann mir viele Sachen einfach ansonsten nicht leisten.

Manchmal kann man mit den Büchern allerdings auch reinfallen. Es passiert mir jetzt an sich nicht allzu häufig, wenn es allerdings passiert ärgert es mich gewaltig. Da mittlerweile manche Verlage eben (teilweise ausschließlich) für diesen Markt produzieren bekommt man ab und an etwas in die Hand was man bei näherer Betrachtung einfach nur als „Schund“ bezeichnen müsste.

Das erste mal ging mir das in meinem lokalen Lieblingsladen so. Ich fand dort ein nettes und fettes Buch mit dem schönen Titel „Geschichte des Mittelalters“ [1]. Der Verlag war eines von diesen typischen kleinen Verlagshäusern die Bücher billig nachdrucken und verscherbeln und ich dachte mir nach einer kleinen Inspektion des Rückentitels, daß ich ja eigentlich zu dem Preis gar nicht soviel falsch machen konnte. Das ganze wurde dort als Überblickswerk über die mittelalterliche Geschichte angeboten, inklusive kleiner Abschweifungen in die außereuropäische Geschichte. Die Überarbeitung eines Standartwerks. Genau das was ich wollte, einfach nur ein ausführlicher Überblick über das Thema. Es musste ja nicht mal so aktuell sein! Hauptsache die Fakten sind richtig, soviel kann sich ja sonst nicht getan haben in den 30-40 Jahren seit das Buch geschrieben wurde. Dachte ich.

Ich bereue die 10€ die ich dafür ausgegeben habe noch immer. Die erste Verwunderung kam schon direkt hinter der Titelseite: Keine Jahreszahl, außer dem Druckdatum (2003). Hmm…

Dann fange ich an zu lesen. Die Germanen. Soso. Und die Kaiser des alten Roms. Ich zweifle etwas, aber noch nicht viel. Man hatte wohl aus irgendwelchen alten Überblickswerken abgeschrieben, denke ich mir. Muß ja nicht so schlecht sein.

Ich schaffte es am Ende bis zu der Textstellein der die Autoren Kaiser Honorius als feige bezeichnen weil er eine belagernde Armee von den Mauern aus betrachtete, bis ich dann ins Internet ging und wirklich einmal nachsah von wann dieses Buch denn nun wirklich war. Denn eine historische Person als feige zu bezeichnen weil sie sich nicht in den sicheren Selbstmord stürzte war dann meiner Einschätzung nach historiographisch nicht wirklich ausgefeilt. Und tatsächlich, das Buch war Ende des 19ten Jahrhunderts erschienen, und das war nur die Überarbeitung. Das ganze bildete wunderbar das Geschichtsbild der Deutschen Anfang bis Mitte des 19ten Jahrhunderts ab. Man darf sich wundern ob den Autoren überhaupt der Name Ranke geläufig gewesen war.[1]

Und all das ohne einen Deut davon zu sagen. Wenn man, wie ich, einfach das Buch kaufte weil man sich einen Überblick erwartete, bekam man ein 150 Jahre altes Buch. Gut, der Verlag muß für so etwas kein Geld mehr an irgendwelche Autoren bezahlen, gut, der Verlag will Geld verdienen, gut, ich habe auch schon mit wissenschaftlichen Publikationen aus diesem Jahrhundert gearbeitet (dem Pauly z.B.). Aber so etwas zu verkaufen, bzw. auch noch als modernes Geschichtsbuch zu bezeichnen oder erscheinen zu lassen, ist meiner Meinung nach recht, naja, nennen wir es mal „zweifelhaft“.[3]

Oder bin ich da zu fanatisch? Ich meine, man kann zwar nicht von jedem solchen Buch eine wunderbare wissenschaftliche Qualität erwarten, aber man sollte zumindest kenntlich machen, wie alt das ganze wirklich ist. Anstatt die Jahreszahl ganz zu verschweigen.

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[1] Georg Weber/Alfred Baldamus, Geschichte des Mittelalters, Wiesbaden 2003.

[2] eher nicht, der gute Leopold war zur Drucklegung des Originals nämlich gerade mal 40.

[3] Übrigens war die Verwirrung nicht nur bei mir vorhanden, auf der Seite des Buches gibt es 4 Rezensionen von denen sich eine darüber beschwert, daß in dem Buch fast garnichts über Abessinierkatzen drin steht. Eine weitere allerdings sieht das Buch als richtig gut dafür an.

Tjaja, die Meinungen gehen auseinander…

Um mich da in die Diskussion einzuschalten: persönlich fand ich die Informationen zu Katzen in dem Buch ebenfalls eher spärlich, habe sie aber auch nicht vermisst ;)

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